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Heinz Theisen

Verstrickung der Kulturen

Europa braucht Grenzen zum Nahen Osten

Der Nahe Osten befindet sich inmitten heftiger Kulturkämpfe, nicht nur zwischen Muslimen, Juden und Christen, sondern auch im konfessionellen Rahmen zwischen Sunniten und Schiiten oder auch in ethnischen Kategorien etwa zwischen Türken und Kurden. In jedem Fall geht es in diesem Kulturalismus um kollektive Identitäten, die sich im Nahen Osten vor allem aus religiösen oder ethnischen Herkünften speisen und sich zu ihrer Behauptung oder Ausdehnung mit politischer Macht verbinden.

Der Westen versteht diesen Kulturalismus nicht, weil er diese Kategorien zugunsten der Narrative von Globalisierung und Universalisierung abgelegt hat, in den ökonomischer Interessen oder die Ausweitung seiner Werte und Strukturen entscheidend sind. Er nimmt sich selbst kaum mehr als Kulturkreis wahr. Aus dem Zusammentreffen des nahöstlichen Kulturalismus und des politischen Universalismus des Westens nach außen und seines Kulturrelativismus nach innen sind endlose Missverständnisse erwachsen.

Gewiss haben Menschen mehrere Identitäten. Sobald sich jedoch eine dieser Identitäten - im Nahen Osten ist es meistens die Religion - mit einer Staatsmacht oder einer Bewegung verbindet, werden aus den weichen Variablen der Kulturen wie Herkunftsidentität oder religiöse Werteordnung reale Kampfinstrumente. Die Mitverantwortung der Religion für ihren Missbrauch liegt darin, dass sie sich missbrauchen lässt.

Für Muslime gilt Jerusalem als das geweihte Haus, eine Heilige Stadt, die in den Anfängen des Islams die Richtung des Gebets bestimmte. Mohammed soll am Ort des Felsendoms für eine Nacht in den Himmel aufgefahren sein. Muslime aller Länder sehen es als religiöse Pflicht, die Herrschaft von Ungläubigen auf angestammten Gebieten des Islams zu beseitigen.

Auch fundamentalistische Evangelikale aus den USA, zu denen Vizepräsident Mike Pence zählt, sind unterdessen ein Teil des nahöstlichen Kulturkampfes geworden. Sie glauben, dass die Herrschaft der Juden Vorbedingung für die Wiederkehr von Jesus Christus ist, der ein 1000-jähriges Reich des Friedens errichtet und dann auch von den Juden als ihr Messias erkannt wird.

Diese Verstrickung von Religion, Politik und Wirtschaft macht die Konflikte im Nahen Osten unlösbar. Wenn sich religiöse Absolutheitsansprüche mit dem Anspruch auf ein heiliges Stück Land oder religiöse Herrschaft verbinden, sind territoriale Kompromisse oder Gewaltenteilung in weiter Ferne. Absolute Wahrheit und relative Kompromisse passen nicht zueinander.

Überdehnung des Westens

Der notwendige Paradigmenwandel vom Kulturalismus zur Zivilisierung muss – wie nach dem Dreißigjährigen Krieg in Europa - mit der konsequenten Trennung von Religion und Politik beginnen. Bis es soweit ist, wird der Westen den größten Kulturkampf bestehen müssen, der längst vom Nahen Osten nach Europa, Afrika und Asien übergeschwappt ist: dem zwischen einem Scharia-Islam, in dem Religion und Politik eine Einheit bilden und säkularen Ordnungen, ob in der liberalen oder autoritären Form, in denen Vielfalt und Ausdifferenzierung erwünscht sind.

Der „Kampf der Kulturen“, den Samuel Huntington pauschal zwischen Islam und Westen verortet hatte, verläuft heute auch innerhalb der Kulturen. Im Grunde kehrt in ihm die totalitäre Sehnsucht zurück, nur diesmal wieder in religiöser Variante. An der Abwehr und Eindämmung des Islamismus auch im Nahen Osten kommen wir nicht vorbei.

Im Nahen Osten verläuft dieser Kampf nicht zwischen Demokratie und Diktatur, sondern zwischen Säkularismus und Totalitarismus. Von demokratisch gewählten Muslimbrüdern geht eine größere Gefahr für die Freiheit des Einzelnen aus als von säkularen Diktaturen, die jenseits der Machtfrage Individuen und Funktionssystemen Wirtschafts- und Bewegungsfreiheiten belassen. Sie kümmern sich nicht um das Privatleben der Menschen. Aber auch diese Mächte hat der Westen bekämpft.

Die Erosion der Staatenwelt vom Irak bis Libyen ermöglichte erst die Entfesselungen der Konfessionen, Ethnien und des Islamismus. Weder in Afghanistan, im Irak noch in Libyen erwies sich der Westen als stark genug, eine neue Ordnung aufzubauen, es reichte nur zur Zerstörung alter Ordnungen. Wenn der Westen dann wie in Libyen auf ein Nation Building verzichtet, endet alles in totaler Anarchie, was die Flüchtlingsströme aus Afrika nach Europa unter entsetzlichen Bedingungen möglich machte.

Ohne ausreichendes Bewusstsein einer nationalen Zusammengehörigkeit kämpfen und wählen die Menschen entlang ihrer Stämme oder Konfessionen und verteilen selbst Entwicklungshilfe entlang dieser Zugehörigkeiten. Die Demokratie ist das Dach, welches erst auf Stockwerke aufgesetzt werden kann. Ohne Säkularität, Rechtsstaatlichkeit, korrekte Verwaltung und Bildung endet sie allzu oft im Bürgerkrieg und ihr Mehrheitsprinzip in der Unterdrückung von Minderheiten. Zu welchen Absurditäten das westlich angeleitete Nation Building führt, lehrt das frei gewählte Parlament Afghanistans, welches im Rahmen der Scharia Konvertiten zum Christentum mit dem Tod bestraft.

Der Entgrenzung des Westens nach außen folgte die Entgrenzung nach innen. Die Flüchtlingswelle von 2015 nahm ihren Ausgang von der Türkei, welche sich auch damit als ein „Verbündeter“ erwiesen hat, der uns mehr in den Nahen Osten verstrickt als vor ihm schützt.

Den Verstrickungen steht Europa ratlos und gespalten gegenüber. Es bräuchte keine abschottenden, aber kontrollfähige Grenzen. Solange diese nicht vorhanden sind, wird eine unkontrollierte Zuwanderung die Gesellschaften und auch die Europäische Union nach falschen Alternativen wie Willkommenskultur oder Abschottung spalten.

Verstrickung von Politik und Geld

Die Verstrickungen des Westens erklären sich aus Verstrickungen seines idealistischen Werte-Universalismus und seines ökonomischen Materialismus. Beide gehören zum Westen und müssten neu gewichtet werden. Exportinteressen rangieren heute selbst gegenüber dem Terrorexporteur Saudi-Arabien vor Sicherheitsinteressen. Dies macht den Westen – anders als im Kalten Krieg - strategieunfähig.

Wenn türkische Truppen in Syrien weiter vorrücken, droht sie auf Kommandos der USA zu treffen. Dies wird wahrscheinlich nicht im Kampf enden, weil die USA ihre kurdischen Verbündeten verraten werden, um die Türkei als Nato-Bündnispartner zu behalten. Wo Truppen der beiden größten Nato-Staaten aufeinanderzustoßen drohen, ist die Welt aus den Fugen. Eine neue Weltordnung müsste kulturelle Grenzen in Rechnung stellen.

Koexistenz der Kulturen

Statt Kriegsparteien mit Waffen zu beliefern, sollten die Europäer ihren Armeen genügend Waffen zur Verfügung stellen und ihre Polizeikräfte und Gerichte stärken. Ihre Selbstbegrenzung käme der eigenen Selbstbehauptung zu Gute.

Statt des politischen Universalismus braucht der Westen eine neue Strategie. Die Koexistenz der Kulturen und Mächte hat im Kalten Krieg inkompatible Ideologien auseinandergehalten. Auf ihrer Grundlage könnten Funktionssysteme wie Wissenschaft, Technik und Wirtschaft umso besser kooperieren.

Die USA sind noch nicht hinreichend Willens zur Selbstbegrenzung, aber zur Selbstbehauptung. Europa ist weder das eine noch das andere. Erst wenn die Europäer die Unterschiede der Kulturen wieder in ihr Kalkül einbeziehen, werden sie sich aus den Verstrickungen lösen können. Aus der Anerkennung einer multikulturellen Welt würden auch Einsichten in die notwendigen Grenzen des Westens wachsen.