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Heinz Theisen

Der west-östliche Hörsaal

Interkulturelles Lernen in der neuen Weltunordnung

Die Ignoranz des säkularen und liberalen Westens gegenüber den konkurrierenden Werten des islamischen Kulturkreises hat von der Außen- bis zur Migrations- und Integrationspolitik verheerende Folgen. Die westlichen Illusionen gründen auf der Missachtung der Bedeutung von Kultur als Quelle von Werteordnung und Identität. Umgekehrt herrschen in der islamischen Welt eine widersprüchlicher Ablehnung der westlichen Kultur und Illusionen über eine voraussetzungslose Teilhabe an ihren materiellen Ergebnissen vor.

In interkulturellen Dialogen und Integrationsprozessen werden irreale Hoffnungen auf Gemeinsamkeiten, auf Weltethos und universelle Menschenrechte geschürt. Mit gutgemeinten Verhaltensregeln für Respekt, Toleranz und Diversität sollen die Verschiedenheiten in einem utopischen Zwischenreich aufgehoben werden. Kultur gilt demnach als Überbau, ein bunter Regenbogen oberhalb der materiellen oder strukturellen Basis. Die für die eigene Selbstbehauptung entscheidenden Kategorien der Gegenseitigkeit und Loyalität bleiben außen vor.

In den künftigen interkulturellen und interreligiösen Lernprozessen wird viel mehr Realismus gefordert sein, vor allem mehr Sinn für die tragischen Inkompatibilitäten und damit auch für die notwendigen Grenzen zwischen den Kulturen. Erst auf deren Grundlagen kann nach verbleibenden Schnittmengen und Gegenseitigkeiten gesucht werden.

Die Folgen der kulturellen Ignoranz

In Afrika hat die Ausklammerung kultureller Kategorien zum Scheitern vieler Entwicklungsprojekte beigetragen. Das „Nation Building“ im Irak und in Afghanistan hat keine „Leuchttürme der Demokratie“, sondern schauderhafte Hybridsysteme hervorgebracht, darüber deren innere Konflikte entfesselt und mit dem Chaos dann dem Islamismus Zulauf verschafft.

Wenn das frei gewählte Parlament in Afghanistan seine Gesetzgebung der Scharia unterstellt und Konvertiten mit dem Tode bestraft, dann ist dies nicht die Demokratie, die wir meinen. Religiöse Identität gilt hier als wichtiger als Säkularität und Liberalität. Eine autoritäre Monarchie wie in Jordanien und Marokko hätte zwar gegen die Universalität der Demokratie gesprochen, wäre aber die kultursensiblere Lösung für konfessionell und ethnisch gespaltene Stammesgesellschaften gewesen.

Die Folgen all dieser Fehler schwappen heute durch Migration, Flucht und Terror nach Europa über. Der bei uns vorherrschende Kulturrelativismus vergisst vor lauter Bejahung von „Diversität“ die Unterscheidungen nach Migranten, Kriegsflüchtlingen und Asylanten, sogar nach Islamisten und den Flüchtenden vor Islamisten. Die ideologisierte Weltoffenheit verhindert Grenzen zum Schutz des Eigenen, die nicht der Abschottung, sondern der Kontrolle und Unterscheidung von Individuen dienen sollten.

Die kleinen Leute in den Aufnahmeländern denken nicht in so großen Begriffen wie ihre weltoffenen Eliten. Die Entgrenzungen bringen ihnen weniger neue Chancen als neue Herausforderungen. Ihre Interessen und Ängste werden nicht zu integrieren versucht, sondern diskreditiert. Ein rationaler Diskurs über die Grenzen der Entgrenzungen wird immer noch verhindert, derzeit mittels der Rassismuskeule. Auch dieser Polemik liegt ein kulturignorantes Missverständnis zugrunde. Unveränderliche Rassebegriffe wie Blut, Gene und Hautfarbe haben mit veränderbaren Kulturbegriffen nichts zu tun, Natur ist das Gegenteil von Kultur.

Die Inflationierung des Kampfes gegen „Rechts“ verhindert - innen wie außenpolitisch – sowohl Bündnisse gegen religiösen Extremismus als auch unsere aktive Einflussnahmen auf die Veränderbarkeit von Kulturen. Diese bleiben dann kulturalistischen Eiferern überlassen.

Abklärung im Westen – Aufklärung im Osten

Die westlichen Ideale sind nicht universal, sondern westlich. Dies wirft schon in Integrationsprozessen Fragen auf. Wo liegen die kulturellen Grenzen von Integration? Müssen wir uns angesichts unterschiedlicher Leitkulturen auf eine gemeinsame Leitstruktur beschränken?

Respekt und Toleranz von Vielfalt würden vor allem in den globalen interkulturellen Konflikten gebraucht. Nicht nur die Einmischungen in innerstaatliche, sondern auch in innerkulturelle Angelegenheiten sind meist dem Frieden abträglich. Die endlosen Stellvertreterkriege zwischen Schiiten und Sunniten und ihrer Vormächte Iran und Saudi-Arabien gehen uns jenseits humanitärer Hilfe nichts an. Sie werden durch Parteinahmen und Waffenlieferungen nur angeheizt.

Nach dem Scheitern der Universalität westlicher Werte wird eine Abklärung über deren Reichweiten und umgekehrt über die notwendigen Grenzen zu ihrer Bewahrung unabdingbar. Diese Grenzen sind nicht nur geokulturell, sondern entlang der Funktionssysteme zu ziehen.

Der Westen ist kein System. Die widersprüchliche Verachtung unserer Kultur bei gleichzeitiger Gier nach ihren Ergebnissen ruft nach Aufklärung über deren Gegenseitigkeiten. In realistischen Lernprozessen sollte es um die Voraussetzungen von Entwicklung gehen. Inwiefern fördert die Trennung von Religion und Politik die Freiheiten dynamischer Funktionssysteme? Warum wäre eigenständiges Denken die wichtigste Voraussetzung für die „Erfindung des Erfindens“(David Landes)?

Auch internationale Beziehungen sind ausdifferenziert. Wo müssen wir uns politisch begrenzen, wann und mit wem sollten wir Säkularität gegenüber Totalität behaupten, wo lassen sich universelle Prinzipen oder zumindest globalisierbare Funktionen verbreiten? Letzteres gilt doch vor allem bei Wissenschaft und Technik und daher bei der Förderung kreativer Köpfe.

Individualisierung statt Islamisierung

Der Abschied vom westlichen Universalismus hin zu einer Koexistenz der Kulturen würde in den Kulturen die Selbstkritik erleichtern. Missstände könnten nicht länger mit dem Imperialismus der „Ungläubigen“ entschuldigt werden. Auch die beliebte kollektive Opferrolle verlöre an Glaubwürdigkeit. Sie treibt entweder religiösen Radikalismus oder Apathie, aber keine Kreativität und Eigenverantwortung hervor.

Die Hoffnung vieler Interkulturalisten auf innerislamische Reformation ist eitel. Schon die Kritik an einem wesentlichen Baustein des Glaubens droht sowohl das religiöse als auch das angebaute politische Gebäude einstürzen zu lassen.

Auch die Hoffnungen auf säkulare Ordnungen bleiben in der islamischen Welt unrealistisch. Die Trennung von Gott und Welt würde nicht nur Theokratien, sondern auch autoritären Regimen die Legitimation von oben entziehen. In Saudi-Arabien wird Atheismus mit Terrorismus gleichgesetzt, in Ägypten gilt er als „soziale Gefahr“.

Die islamische Verstrickung von Gott und Welt ist nur durch einen Paradigmenwandel auflösbar, vergleichbar etwa mit dem in Europa nach 1945, der die Ersatzreligion des Nationalismus soweit relativierte, dass Feinde von einst zu Partnern wurden. Einem vergleichbaren Paradigmenwandel kommt heute die Eigenlogik moderner Funktionssysteme zu Hilfe. Sie erfordert statt kollektiver Herkunftsbezüge kompetente und mobile Individuen.

Eine neue Weltordnung kann nicht ohne Respekt vor den Kulturkreisen und nicht ohne die Akzeptanz der Einflusssphären der Weltmächte aufgebaut werden. Die Einverleibungen der Krim durch Russland und des südchinesischen Meers durch China hätten früher wahrscheinlich Weltkriege ausgelöst, heute verbleibt es wie in der Ostukraine bei regionalen asymmetrischen Kriegen. Heute wird die berechtigte Empörung über diesen regional begrenzten Imperialismus durch die Einsicht relativiert, dass in der wissensbasierten Ökonomie der Besitz von Knowhow letztlich wichtiger ist als der von Land. Der Kampf um das Knowhow findet aber vor allem in Laboren und Hörsälen statt.