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Heinz Theisen

Vorlesungsskript - Gegenseitigkeit von Freiheit und Verantwortung

Heinz Theisen                         

                     

        Die Gegenseitigkeit von Freiheit und Verantwortung

                              

                  Einleitung: Verabsolutierte Freiheit als Herausforderung

 

  1. Von der Gesinnungs- zur Verantwortungsethik in der Außenpolitik

 

Überdehnungen westlicher Freiheitswerte

Verantwortung zwischen Werten und Interessen

 

 

Ökonomisierung und Romantisierung des Menschen

Hilfe und Selbsthilfe, Fördern und Fordern

 

  1.  Verantwortete Freiheit in komplexen Strukturen      14

 

Freiheit und Verantwortung in der Internetgesellschaft17

Aufgaben der Orientierungswissenschaften 19

 

 

„- Freiheit von Sklaverei und Fremdherrschaft, Freiheit von Gott und Naturgeschick. Freiheit von Staatszwang und Familienbindung, Freiheit vom andern, Freiheit von allem – frei wie noch nie, frei wie verrückt.“ 

Botho Strauss, [1]

 

 

 

 

Einleitung: Verabsolutierte Freiheit als Herausforderung

Freiheit ist – so Hegel - nur möglich auf der Grundlage selbstgegebener moralischer Gesetze, also auf der Grundlage selbstdefinierten Verantwortung. Ansonsten handele es sich um Willkür. Wer statt seinen moralischen Gesetzen  nur seinen Trieben folgt, ist nicht frei, sondern Knecht seiner Triebe. 

Die heute in der westlichen Welt oft vorherrschende Verabsolutierung von Freiheit nähert sich der Willkür gegenüber anderen und sich selbst an. Der Zusammenhang zwischen der Nichterziehung von Kindern und der Deregulierung von Banken liegt in der Verabsolutierung von Freiheit, die den einen zur Ausweitung ihres Hedonismus und den anderen zur Ausweitung des Wettbewerbs dient. Ökonomisten und Hedonisten ergänzen sich zu einer großen Koalition der Entgrenzung, die von der Familien- und Schulpolitik bis hin zur globalisierten Wirtschaft reicht. Die Folgen zeigen sich von der Überschuldung der Staaten bis zur Überforderung von Individuen.

Die Dialektik eines derartigen Pendelausschlags ist entsprechend heftig. Der weltweite Zulauf ausgerechnet für die autoritärste und unaufgeklärteste Religion und dort wieder für die radikalsten Strömungen resultiert auch aus den Exzessen der Freiheit. Michel Houellebecq hat in seinem Buch „Unterwerfung“ den Zusammenhang zwischen westlicher Dekadenz und Islamisierung treffend ausgeführt.

Die Verabsolutierung der Freiheit bedeutet eine Herausforderung für Staat, Gesellschaft und Individuum. Der Staat galt im 20. Jahrhundert als Hauptbedrohung der Freiheit; heute ist diese eher durch Partikularinteressen bedroht. Es gibt nicht nur Raubtierkapitalismus, sondern auch Raubtierindividualismus, der die Goldenen Regeln gesellschaftlicher Gegenseitigkeiten untergräbt.

Staat, Gesellschaft und Individuum müssen unter den Bedingungen einer globalisierten Welt neue Gegenseitigkeiten zwischen Freiheit und Verantwortung begründen. Die bloße Gesinnungsethik muss durch eine Verantwortungsethik ersetzt oder zumindest ergänzt werden, die im Sinne von Max Weber immer auch die langfristigen Folgen des Handelns mitbedenkt. Zugleich sind hohe Ideale, die mit Hilfe abstrakter Begriffe von der Realität abgehoben haben, wieder auf ein realistisches Menschen- und Gesellschaftsbild zurückzuführen, in dem der Mensch weder ökonomisch verengt noch romantisch überhöht wird.[2]

In der Außenpolitik sollten dementsprechend universale Ideale wieder durch die Begrenzung auf die regionale Sicherheit nachgeordnet werden, in der Gesellschaft sollte eine nüchternen Gegenseitigkeit der Interessen, von Hilfe und Selbsthilfe an die Stelle unerfüllbarere Ideale von Gleichheit der Gemeinsamkeit treten. Bei der Internetgeneration dürfen wir nicht auf eine Renaissance klassischen bürgerschaftlichen Engagements in Parteien, Kirchen und verbänden hoffen, wohl aber auf eine massive Nutzung des Internets zur teilhabe und Teilnahme an den Willensbildungsprozessen.

 

  1. Von der Gesinnungs- zur Verantwortungsethik in der Außenpolitik

Eine Form der Verabsolutierung von Freiheit war ihre plötzliche und bedingungslose Ausweitung nach 1990 und dann noch einmal nach 2001, ohne Rücksicht auf historische Unterschiede und auf die Bedingungen von Freiheit und Demokratie.

Das Fremdeln mit dem westlichen Freiheitsverständnis beginnt im Grunde schon in Ostdeutschland. Das Paradigma Sicherheit gilt, auch heute noch, vielen als wichtiger als eine Freiheit, die unvermeidlich mehr Offenheit, ständigen Wettbewerb und vor allem im Zuge der Grenzenlosigkeiten von Europäisierung und Globalisierung mehr Unsicherheit, in jedem Fall aber immerzu Selbstverantwortung erfordert. Pegida in Dresden erklärt sich weniger aus Fremdenhaß als aus dem Fremdeln mit einem als allzu offen empfundenen System, welches die Sicherheitsbedürfnisse der Bürger der Offenheit und Wettbewerbsfähigkeit vernachlässigt. Die Zuwanderer sind gut für die Unternehmen, schlecht er für diejenigen, deren Löhne sich darüber drücken lassen.

Die Mobilität der Zuwanderer ergänzt die des Kapitals, welches spätestens seit dem Mauerfall den freien Raum zu nutzen weiss. Die Unternehmer können ihr Geld über Landesgrenzen hinweg verschieben und die Welt nach den geringsten Löhnen, niedrigsten Steuersätzen und lockersten Umweltauflagen absuchen. Darüber ist eine neue Offshore Welt entstanden, die nur durch Bündnisse der Regierungen, eine Art zwischenstaatlicher politischer Solidarität wieder in eine Onshore-Welt zurückverwandelt werden könnte.

Statt dessen versprechen sich die Regierungen aber mehr vom Paradigma  zwischenstaatlichen Wettbewerbs um de Gunst der Konzerne, in der Hoffnung auf Wachstum und Arbeitsplätze.[3] Nachdem der Glaube, dass wie in der Offshore Welt alle reicher werden, widerlegt ist, wird mit weiteren Unmutsbekundungen gerechnet werden müssen.

 

Überdehnungen westlicher Freiheitswerte 

Noch größer ist das Fremdeln mit westlichen Freiheitswerten in andere Kulturkreisen. Das Russland der neunziger Jahre wurde durch eine vorbehaltlose und vom Westen mit Nachdruck geförderte Demokratisierung und Neoliberalisierung an den Rand des Zusammenbruchs getrieben. Wo Privatisierung nicht mit Rechtsstaatlichkeit einherging, endeten die Deregulierungen im Oligarchentum und in Kriminalität.

Russland hat in seiner Geschichte keine Epoche der Aufklärung und keine funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft als den wichtigsten kulturellen und strukturellen Voraussetzungen der Freiheit gekannt. Weder Freiheit noch Selbstverantwortung konnten eingeübt werden. Russlands Demokratie verkam zur Oligarchie und die Marktwirtschaft zur Mafiawirtschaft.

Als Alternative zur Anarchie blieb nur ein neuer Autoritarismus. Im gleichen Maße, wie Putin die Dinge auf autoritäre Weise stabilisierte, wurde er zum Gegner des Westens ausgerufen, der auch von den Russen freiheitliche Werte und Strukturen einfordert.  Die Russen waren mehrheitlich bereit, für mehr Sicherheit die Demokratie aufzugeben, etwas was der Westen bis heute nicht begreifen will.

Auch in Mittelosteuropa weisen die neoliberalen, an Deregulierung und Privatisierung ausgerichteten Projekte nach 1990 eine zwiespältige Bilanz auf.[4] Während im Westen noch sozialstaatliche Strukturen den Wettbewerb abmildern konnten, ist dies weder in Ost und zunehmend auch in Südosteuropa der Fall. Der Westen droht mit seiner Ausdehnung schon an seinen Rändern zu scheitern. Seine Überdehnungen fallen schon beim Euro auf ihn selbst zurück.

Es ist sowohl unter Neoliberalen als auch humanistischen Idealisten aus der Mode gekommen, die Bedeutung von Grenzen anzuerkennen. Grenzen dienten immer auch dem Schutz der Freiheit und der Sicherheit, vor allem dem Schutz der Schwachen in der Gesellschaft. Diese werden durch die Globalisierung oft einem Wettbewerb ausgesetzt, dem sie nicht gewachsen sind. Dies neue Prekariat im Westen von etwa 20 Prozent der Bevölkerung entspricht in etwa dem Anteil der populistischen Bewegungen in weiten Teilen Europas, die im wesentlichen mehr Sicherheit fordern.

Es geht heute nicht darum, von Freiheit zur Sicherheit zu wechseln, sondern Wege einer „verantworteten Freiheit“ in der gegenseitigen Ergänzung zwischen beiden zu finden. So wäre etwa die Öffnung der Grenzen etwa der EU zu wesentlich ärmeren Ländern wie in Südosteuropa wäre nur in dem Maße verantwortbar gewesen, wie sich zuvor das Wohlstandsgefälle verringert hat. Dies ist mit den Übergangsfristen bis 2011 zu Polen der Fall gewesen, mit der Öffnung der Grenzen zu Rumänien 3014 nicht, die sowohl zum massiven Verlust rumänischer Ärzte und damit zum sahn Rumäniens wie zur massiven Migration von Roma nach Deutschland zum Schaden des deutschen Sozialsystems geführt hat. 

In Russland und China haben sich unterdessen längst neue Modelle eines „autoritären Liberalismus“ verfestigt, die autoritäre politische Führung mit der Freiheit des Marktes verbinden. Auch mit „Wiederkehr der Kulturen“ insbesondere in der islamischen Welt wird die behauptete Universalität des westlichen Demokratiemodells in Frage gestellt.

Die Universalisierung der westlichen Freiheitswerte und Strukturen erlebt aber im Nahen Osten ihr größtes Debakel. Auch wenn unsere Medien dort vor allem die Freiheit des Wortes als oberstes Menschenrecht einfordern, für die Überlebenszwänge vieler Menschen ist dies reiner Luxus.[5] Die Idealisierung unserer Werte scheint oft eher an der eigenen moralischen Erbauung als an den Nöten der Menschen, aber auch an den Werteordnungen anderer Kulturen ausgerichtet zu sein.

Die emphatischen Beschwörungen „der Freiheit“ etwa in den festtagserden von Joachim Gauck  übersehen, dass schon im orthodoxen Religion Osteuropas ein wesentlich anderer Freiheitsbegriff vorherrscht. In ihr wird Freiheit nicht als Möglichkeit der schrankenlosen Selbstverwirklichung, sondern als Frei sein von Sünde verstanden. Islam heißt „Hingabe, Unterwerfung, ist das Gegenteil von Freiheit, der Mensch hat sich der Allmacht und damit der Freiheit Gottes zu fügen. Seiner Freiheit hat sich der Mensch zu unterwerfen. Menschenrechte sind von Gott gewährt, währen sie in der westlichen Zivilreligion der Menschenrechte dem Menschen Kraft seiner Humanität, letztlich von Natur aus zustehen.  

Diese gewaltige Lücke im Freiheitsverständnis der Kulturen wäre nur neuen Gegenseitigkeit zwischen Freiheit und Verantwortung zu schließen. Zumindest ist hier statt einer universalen Ethik doch ein realistischer Universalismus zu fordern, der durch das Studium und die Anerkennung der anderen Kulturen in ihrer Eigenwertigkeit mit der Notwendigkeit der Anerkennung seine eigenen Grenzen verbindet.

Verantwortung zwischen Gesinnungen und Interessen  

Nach dem Scheitern der westlichen Versuche, eine unipolare, am freien Handel und an liberaler Demokratie ausgerichtete Weltordnung zu errichten, muss der Westen lernen, Grenzen und Hemisphären anderer Mächte und Kulturen zu respektieren und auf dieser Grundlage mit ihnen zu kooperieren. Als Alternative zur sich ausbreitenden Anarchie bleibt nur eine multipolare Weltordnung.

Diejenigen, die das Volk von Afghanistan, Irak, Libyens und neuerdings der Ukraine „vom Tyrannen befreien“ wollen, handelten oft in bester Absicht. Die Entfesselung des dschihadistischen Islamismus ist in der Levante nicht zuletzt über die vorangegangene Destabilisierung autoritärer, aber säkularer Regime durch den Westen möglich geworden. Das kleinere Übel wurde vom größeren ersetzt, ein ungeheures Fiasko für eine Gesinnungsethik, die die Folgen nicht bedacht hat und zudem mit alten Begriffen wie Demokratie und Diktatur operierte, wo längst die Frontlinie zwischen Säkularisierung und Islamisierung verlief.  

Wenn statt dessen auch die universalen Folgen der eigenen Gesinnung mitbedacht werden, muss – wie im Kalten Krieg - Koexistenz an die Stelle von Universalität und Evolution von Innen an die Stelle der  Intervention von Außen treten. Dieser Evolution kann der Westen nur auf indirekte Weise, über Bildung, Wissenschaft und Technik auf die Sprünge helfen. Eine solche Verantwortungsethik sollte das kurzfristige Handeln in der Politik bestimmen und die Gesinnungsethik die langfristige Strategien bei Bildung und Bewußtseinsbildung. Statt um den Kampf der Kulturen sollte es um einen Kampf um die Zivilisation gehen, innerhalb einer multipolaren Welt, in der die Machtpole sich politisch und kulturell abgrenzen und auf der Ebene zivilisatorischer Funktionssysteme kooperieren. [6]

Was würde eine solche Verantwortungsethik für die Ukraine und den Nahen Osten bedeuten? In der Ukraine sind die westlichen Freiheitswerte, sind Demokratie und nationale Selbstbestimmung, ist die Logik universaler Ideale auf die Logik der Macht und damit auf imperiale russische Interessen gestoßen. Diesen geht es um den  Neuaufbau einer Eurasischen Union und einer Einflusssphäre, die dem einer Weltmacht entspricht.

Der Westen betreibt gegenüber Russland eine Wertepolitik, die nicht zum russischen Paradigma der Interessenpolitik passt. Putin lebt in der Tat „in einer anderen Welt“ (A. Merkel), und in diese müssen wir uns um des Friedens willen hineinzudenken versuchen. Da der Westen nicht bereit ist, Krieg zu führen, ist die Sanktionsstrategie letztlich hilflos, sie schadet langfristig allen Seiten, am meisten der Ukraine.[7]

Verstehen im intellektuellen Sinne bedeutet kein Verständnis im moralische Sinne. Es scheint aber in westlichen Diskursen kaum mehr möglich, beide Kategorien auseinanderzuhalten. Bewältigung statt Lösung bedeutet etwa die Suche nach Modellen einer Föderalisierung, gegebenenfalls sogar eine Teilung der Ukraine.

Der Westen sollte im eigenen Sicherheitsinteresse Rußland sogar Hilfe beim Aufbau einer Eurasischen Union leisten, die auch der Westen für die Stabilisierung des Ostens braucht. Dies setzt aber den Abfall vom Glauben, dass die Oligarchie in Ukraine eine Demokratie sei voraus. Und auch vom Glauben, dass größer gleich stärker sei. Es entbehrt nicht der Komik, dass das bankrotte Griechenland der EU leise mit der Hinwendung zum orthodoxen Rußland droht. Das Ausscheiden Griechenlands würde den Westen stärken.

Wenn Rußland Verantwortung – dies gelt auch für das orthodoxe Serbien – übernähme – wäre damit de EU im Licht der einer multipolare Weltordnung der Selbstbegrenzung und Selbstbehauptung gedient. Ein Modell für das Nebeneinander inkompatibler Logiken wäre die friedliche Koexistenz im kalten Krieg inkompatibler Mächte. Die damalige Haltung gegenüber dem Sowjetblock war kein Ausdruck des Verständnisses, sondern der Logik der Stabilität.

Im Nahen Osten kann der Wesen noch endlos eine Zwei-Staatenlösung fordern, diese wäre auch gerecht, aber zugleich unverantwortlich gegenüber den Sicherheitsinteressen Israels. Verantwortlich wäre es, nach föderalen, staatenbündischen Wegen zu suchen, in denen Energie und Wirtschaft die Kooperationswege bestimmen und nicht die Identität und die Kulturalität, aber auch nicht die großen Begriffe der Französischen Revolution, die im Nahen Osten weitgehend Fremdworte geblieben sind.[8] Leitidee einer realistischen Außenpolitik sollte weniger „das Gute“ als das kleinere Übel sein.

Nach dem Scheitern ihrer Interventionspolitik im Nahen Osten muss die westliche Außenpolitik darauf ausgerichtet sein, die jeweils gemäßigten gegen die radikalen und gegebenenfalls die radikalen gegen die extremistischen Kräfte zu unterstützen. Mit den letztlich innerreligiösen Abstufungen ist ein grundlegender außenpolitischer Paradigmenwandel verbunden. Es geht nicht mehr um die Ausbreitung der Demokratie gegen Diktaturen, sondern um die Bewahrung einer allgemeinen Stabilität und Zivilität gegen totalitäre Extreme.    

Sowohl in der Außen-, Sicherheits- wie auch in der inneren Integrationspolitik wäre heute eine kultursensible Haltung gefordert. Sie würde nicht einfach nur Gutes tun und damit „overaided“, zu Passivität und oft genug zur Korruption verleitet, sondern es bei niederschwelligen Angeboten belässt, die immer auch die Eigenverantwortung als Bedingung der Hilfe einfordert. 

 

  1. Rekonstruktion gesellschaftlicher Gegenseitigkeiten  

Die Gegenseitigkeiten von ora et labora, von Kirche und Staat, von Wettbewerb und Sozialstaat in der Sozialen Marktwirtschaft, von Mehrheits- und Minderheitsrechten in der rechtsstaatlichen Demokratie, von moralischen Rechten und Pflichten konstituieren wesentliche Grundlagen der westlichen Kultur. Die tiefste Wurzel dieser Kultur von sich ergänzenden Gegenseitigkeiten liegt in der Trennung und Ergänzung von Religion und Politik und später von Kirche und Staat im säkularen Modell. Sie war die Grundlage für die Ausdifferenzierungen der Moderne, die in sakral-integristischen Kulturen nicht gelungen ist.

Das „Und“ zwischen Kirche und Staat, Markt und Staat, Idealismus und Materialismus oder auch Individuum und Gesellschaft symbolisiert die Essenz der westlichen Kultur. Über die Ausgestaltung dieses „Und“ handeln die großen politischen Konflikte der Moderne. Wo immer es gelungen ist, diese Gegensätze zu Gegenseitigkeiten auszugestalten, etwa bei Säkularität und Soziale Marktwirtschaft, Rechtsstaat und Demokratie hat der Westen seine unterschiedlichen Werte in eine Ordnung gebracht.

Insbesondere zwischen den Kulturen wären Gegenseitigkeiten realistischer als Gemeinsamkeiten. Was zwischen den Zeiten und Kulturen variiert, ist weniger der Bestand an Werten und Normen als ihr relatives Gewicht und die ihnen jeweils zugeschriebene Rangfolge.[9] In ihren jeweils extremen Ausprägungen sind libertäre und traditionelle Kulturen inkompatibel. Traditionelle Kulturen, aus denen die meisten nichteuropäischen  Zuwanderer kommen, sind mit dem Relativismus und dem einseitig individualistischen Hedonismus überfordert und werden von ihm abgestoßen. Wo Gehorsam vor Freiheit, Glaube vor Vernunft, Familie vor dem Individuum stehen, ist weder ein Konsens der Staaten noch eine Integration von Individuen möglich.

Um den Extremen die Spitze zu brechen, müsste eine Annäherung der Kulturen mit der Annäherung der Wertepolaritäten in der eigenen Kultur beginnen. Vermeintliche Gegensätze müssen in ein Verhältnis der Gegenseitigkeit gesetzt werden. Nicht das Entweder-Oder zwischen Glaube und Vernunft, Individuum und Gemeinschaft, Rechte und Pflichten, Eigennutz und Gemeinnutz, Freiheit und Verantwortung, sondern deren Gegenseitigkeit würde bei der Suche nach einem Minimalkonsens helfen.

Ökonomisierung und Romantisierung des Menschen    

Nach dem Untergang der politischen Ideologien als der Götzen des 20. Jahrhunderts erlebten wir heute zunächst eine Ökonomisierung des Ichs, worüber  Narzissmus zur Massenbewegung wurde. Max Weber berühmte Prognose von den „Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz“ lässt sich in den Leistungs- und Spaßkulturen der Gegenwart unschwer verifizieren.

Die Vereinseitigungen der neoliberalen Ökonomie beruht auf der Verabsolutierung von Markt und Wettbewerb; sie droht die Spannungsbögen zwischen Staat und Markt, und heute auch noch zwischen Ökonomie und Bildung zu zerstören, die eine ausdifferenzierte Gesellschaft eigentlich bräuchten. In den Spaßkulturen findet sich der Ausgleich dazu.

So wünschenswert die Befreiung der Hochschulen vor der staatlichen Überreglementierung im Prinzip ist: Mit dem Bologna-Prozess hat man ganz neue Zwänge aufgebracht. Mit der Übertragung der ökonomischen Logik auf nichtökonomische Funktionssysteme werden die spezifischen Gesetzmäßigkeiten des Funktionssystems Bildung (Orientierung, Selbstdenken und moralische Selbstverantwortlichkeit) zerstört. Bildung hat eine andere Logik als Ökonomie. Mit der Bachelorisierung wurden Freiheit und Selbstverantwortung gleichzeitig gefährdet, Studenten werden wie Schüler geleitet und jeder Selbstverantwortung enthoben. Freiheit ist ohne Selbstdenken nur im physischen Sinne möglich.

Die Reformen der „Wissensgesellschaft“ sind auf Effizienz, Verwertbarkeit, Kontrolle, Spitzenleistung und Anpassung ausgerichtet, lauter „Gestalten der Unbildung“ (Konrad Peter Liessmann). Der Leitcode der Wissenschaft wahr/falsch wird überlagert durch den Code der Ökonomie zahlen/nicht zahlen.

Mit einer durch Ökonomisierung und Dauerkontrolle verplanten Wissenschaft wird eine wichtige Ausdifferenzierung der Moderne angefochten. Bildung war einmal zur Kompensation der Zweckrationalität gedacht gewesen. Vor lauter Rankings und Evaluationen ging der Sinn für den Sinn verloren, wurden Zahlen zum Ersatz für qualitative Unterscheidungen und Wertungen, wird das christliche wie aufklärerische Menschenbild beschädigt.

Neben der Ökonomisierung als Erniedrigung des Menschen gibt es eine Romantisierung, d.h. eine Überhöhung des Menschen im Gutmenschentum. Im linken politischen Diskurs wird der Mensch immerzu zum Opfer der Verhältnisse erklärt und damit seiner Eigenverantwortung enthoben. Damit wurde das bewährte Konzept einer „Hilfe zur Selbsthilfe“ aufgegeben. Das Phänomen „Overaided“ gibt es nicht nur in der Dritten Welt. Die Verantwortung in der Familie wird durch ihre Ökonomisierung erschwert. Die Familie ist aber gerade die mittlere Ebene zwischen individueller und kollektiver Verantwortung.

Doch es gibt eine doppelte Armut, die neben der materiellen in der mentalen Verwahrlosung der Armen besteht, in der die Selbstverantwortung aufgegeben wurde, wodurch individuelle Notlagen dauerhaft verfestigt werden. Studenten sind objektiv meist ärmer als Hartz 4 Empfänger, dennoch werden sie nicht als arm verstanden. Sozialpolitik muss vor allem die zweite Armut in den Blick nehmen, wenn sie dauerhafte Hilfe eisten will.

Hilfe und Selbsthilfe, Fördern und Fordern 

Fast alle Kulturkritik an der liberalen Gesellschaft zielt auf die fehlende Balance zwischen individuellen Rechten und sozialen Pflichten ab. Vom Kommunitarismus bis hin zu päpstlichen Lehrschreiben wird eine neue Gegenseitigkeit zwischen beiden Polen eingefordert. Gerechtigkeit ist längst ein zu großes Wort geworden, unter dem jeder etwas anderes versteht. Aber die Gegenseitigkeit zwischen den Polen und mit ihnen verbundenen Systemen wäre eine Vision, die Freiheit, Vielfalt und Sicherheit zugleich umfasst.

Die Katholische Soziallehre hatte mit der Formel von Solidarität, Subsidiarität und Personalität ein realistischeres Menschenbild anzubieten, zu den Konzepte wie denen eines „Förderns und Forderns“ langsam wieder zurückkehren, allerdings immer ohne die Quelle des neuen Denkens zu benennen oder auch zu kennen. Statt um ein Entweder-Oder geht es um die Denkhaltung eines Sowohl-als-auch, um eine Komplementarität der Gegensätze.

Eine Renaissance der Gegenseitigkeit deutete sich im Siegeszug der Formel vom „Fördern und Fordern“ an. Sozialpolitik beschränkt sich heute nicht mehr auf die Auszahlung monetärer Transfers, sondern setzt auf Prävention und Aktivierung. Das deutsche Sozialsystem konnte nur durch eine Neujustierung der Hilfe zur Selbsthilfe im „Fördern und Fordern“ stabilisiert werden und gleiches wird für die Einwanderungs- und Integrationspolitik gelten.

Im Integrationsdiskurs wiederholt sich derzeit der alte sozialpolitische Streit über das „Fördern und Fordern“. Für den Aufbau der Gegenseitigkeit von Berechtigungen und Verpflichtungen bräuchten wir eine aktivierende und fordernde Sozial-, Bildungs- und Integrationsarbeit, die gleichrangig neben der betreuenden und fördernden Sozialen Arbeit steht.

Niemand kann gezwungen werden, eine Leitkultur zu übernehmen. Umso mehr muss die Leitstruktur einer freiheitlichen Ordnung, die säkulare Verfassungsordnung respektiert werden, damit die Vielfalt sich gegenseitig tolerieren kann.

Die eigene kulturelle Werteordnungen gehören zum Reich der Gesinnungen. Die Orientierung an den Gesetzen und Institutionen eines Landes fällt in die Verantwortungsethik. Beim Aufbau eines islamkundlichen Religionsunterrichts muss der Spagat zwischen Gesinnung und Verantwortung gelingen. Um die säkulare Ordnung zu erhalten, brauchen wir einen freiheitskompatiblen, zur gegenseitigen Toleranz fähigen Islam. Diesen müssen wir nachdrücklich, d.h. gegebenenfalls mit den Konsequenzen einer Exklusion fordern.

 

  1. Verantwortete Freiheit in komplexen Strukturen   

Nachdem die großen Erzählungen sich durch Übertreibungen und Vereinseitigungen selbst widerlegt haben, ist der Einzelne auf sich selbst zurückgeworfen. Die Frage „Freiheit wozu?“ wird nach dem Bedeutungsverlust der großen Narrative nicht mehr gesellschaftlich, sie muss individuell beantwortet werden. Unsere individuelle Verantwortung wird umso größer wie die herkömmlichen Autoritäten, ob Staat, Kirche oder Verbände, schwächer geworden sind.

In der Nachkriegszeit befanden sich viele Menschen in der westlichen Welt im Kampf mit der alten gesellschaftlichen Ordnung. In dieser setzten und regelten politische und religiöse Autoritäten die Sitten und Gebräuche, Rechte und Pflichten. Heute leben die Individuen in einer Epoche scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten, in der die Freiheit absolut geworden ist. Natürlich existieren noch Mächte in der Welt, doch keine nimmt den Menschen mehr die Verantwortung für ihr Leben ab. Diese befinden sich nicht mehr in ideologischen Kämpfen gegen diese oder jene Werteordnung, sondern im Kampf mit sich selbst.

Oft kennen Menschen nicht mehr die Grenzen zwischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Die Welt gleicht einem Buffet, es herrscht Selbstbedienung, und es ist das Selbst, das sich bedient. Während früher die Gesellschaft dem Einzelnen Widerstand entgegenstellte, ist unter den Bedingungen seiner absoluten Freiheit die Gesellschaft wie Luft, sie setzt der Bewegung des Menschen keinen Widerstand mehr entgegen.[10] Im Gender Mainstreaming soll selbst auch auf der Ebene der Geschlechtlichkeit alles möglich werden. Aber wo alles möglich ist, da gilt keine Moral, keine Kultur, keine Tradition und keine Orientierung mehr.

Autoritärer Zwang ist eine Notlösung, der von der Freiheits- und Verantwortungsunfähigkeit der Subsysteme ausgeht. Umgekehrt ist die Zivilgesellschaft in ihren vielen inneren Gegensätzen überfordert, eine  gesamtgesellschaftliche Ordnung aufzubauen.

Diese Ordnung wird von der Mitte der Gesellschaft, vom Bürgertum und den Funktionsträger getragen. Mitte meint auch Maß und mittlere Wege. Ein Beispiel dafür aus der Erziehung. Zwischen antiautoritärer und autoritärer Erziehung ist eine Erziehung mit Liebe und Konsequenz die Entsprechung zur verantworteten Freiheit. 

Wie ein solcher Prozess aus der Mitte der Gesellschaft gelingen kann, möchte ich an einem Beispiel aus Rumänien illustrieren. Rumäniens steht im Korruptionsindex von Transparency International gemeinsam mit Griechenland auf 69, Deutschland übrigens auf Platz 12. Die Griechen haben sich für den Weg entschieden, keine Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und die Ursachen auszublenden.  Die Verzweiflung richtet sich nicht gegen die Ursachen, sondern gegen die Symptome.

Nachdem in Rumänien Links- und Rechtspopulisten mit Versprechung und Selbstbedienung zwei Jahrzehnte lang eine gute Entwicklung verhindert haben, Clankulturen die Parteiendemokratie zur Farce machten und fast alle gutausgebildeten jungen Menschen das Land verlassen, scheint sich das Blatt zu wenden. In Rumänien gelang es auch mit Hilfe der EU eine unabhängige Justiz aufzubauen und diese erhob Anklagen gegen korrupte Politiker, selbst frühere Minister sitzen heute im Knast und die Mätresse des ehemaligen Staatspräsidenten trägt jetzt Handschellen.

Zuvor galt Korruption als Kavaliersdelikt, es wurde nicht einmal ethisch sanktioniert. In Sibiu/Hermannstadt gab es jedoch einen Bürgermeister, der in strenger protestantischer Ethik der deutschstämmigen Sachsen ein gutes Investitionsklima geschaffen hatte. Als einziger Stadt in ganz Rumänien gibt es dort kaum Arbeitslosigkeit.

Klaus Johannis gilt als unkorrumpierbar. Die Rumänien haben ihn vor kurzem zum Staatspräsidenten gewählt. Seine Chancen gegenüber den Selbstbedienungscliquen galten als gering, noch eine Woche vor den Wahlen lag er um 20 Prozent zurück. Dann aber trug eine gewaltige Internetkampagne von jungen Rumänen ihn in das Amt. Deren Wahlrecht im Ausland war von interessierter Regierungsseite systematisch behindert worden. Sie erzeugten einen Shitstorm gegen den Regierungskandidaten und einen „Candystorm“ zugunsten von Klaus Johannis.  

Nicht nur die Politik, sondern auch die Religionen sind auf neue Individualisierungsprozesse angewiesen. Die Aufklärung des Islams muss den einzelnen Muslim zur Interpretation des Koran befähigen, ansonsten ist er dem jeweiligen Imam und dem jeweiligen konfessionellen Kollektiv schon geistig ausgeliefert. Auch in der Orthodoxen Kirche, die keine Periode der Reformation und Aufklärung durchlaufen hatte, muss das Individuum eine neue rolle finden, gerade um das zu kollektivistische, oft sogar nationalistische Haltungen der Kirche zu unterlaufen.

Das oft nicht ausreichend entwickelte soziale Engagement der orthodoxen Kirchen wird in Rumänien durch das Engagement einzelner Priester kompensiert, sie selbst schätzen ihre Zahl auf etwa 10 Prozent der Geistlichkeit. Sie bekommen zwar keine Unterstützung, aber auch keine Hindernisse von der Amtskirche in den Weg gelegt. Sie können effektiv in eigener Regie Soziale Arbeit betreiben, indem sie mit Projektgeldern der EU und Fundraising, also letztlich mit Hilfe von Netzwerken „Philanthropische Werke“ aufbauen.

Solche Beispiele zeigen, wie Einzelinitiative, gepaart mit öffentlichen Projektgeldern und den Mobilisierungsmöglichkeiten des Internets, heute auch ohne staatliche Hilfe, ohne Parteien, Verbände Prozesse auf den Weg bringen können. Die Bezeichnung „Nichtregierungsorganisationen“ ist angesichts solcher individuellen Möglichkeiten längst unzureichend geworden.  

Freiheit und Verantwortung in der Internetgesellschaft 

Das Internet ist wie jede Technik zutiefst ambivalent. Es vernichtet Existenzen, in ihm wird für den Dschihad geworben und es kann für neue Arbeitsplätze und zivilgesellschaftliche Initiativen sorgen, letztlich liegt es in eines jeden individueller Verantwortung, wie er es nutzt. Während es in der Internet-Ökonomie um Profite geht, erhalten die Träger der Zivilgesellschaft Möglichkeiten zum Shitstorm oder Candystorm, lässt sich Blamen und Shamen, vor allem Mobilisieren.

Solche Vernetzungen sind eine Alternative zur Verstrickung alter Eliten. Sie ermöglichen eine Renaissance der Zivilgesellschaft, eine Wiederkehr des Bürgertums und damit auch der verantworteten Freiheit.[11]

Das Internet ermöglicht eine Differenzierung der Geister: jeder kann selbst wahrnehmen und urteilen, wägen und wählen. Letztlich fällt damit die Forderung nach einer Gegenseitigkeit von Freiheit und Verantwortung gerade in der Globalität und Komplexität der Netze auf jeden Einzelnen zurück.

Es sei an der Zeit - so Frank Schmiechen - die Freiheit mit der Digitalisierung zu versöhnen. Big Data, Algorithmen, Vernetzung und menschliche Freiheit würden sich nicht gegenseitig ausschließen. Vergleichbar mit den Entwicklungsschüben durch die Wissenschaft  werde die Digitalisierung und Vernetzung für den nächsten Entwicklungssprung der Menschheit sorgen. Wir könnten mit Hilfe des Netzes denken, was, wann und wo wir wollen, mit Menschen rund um den Globus diskutieren und von ihnen lernen.

Ohne Daten sei der Mensch hingegen seiner Umgebung ausgeliefert. Die Dinge würden passieren und wir nur reagieren, mit nur sehr begrenzten Möglichkeiten der Einflußnahme. Erst wenn die Dinge vernetzt seien und Daten produzierten, die für uns ablesbar und regelbar sind, könnten wir sie auch steuern, beeinflussen und ihre Kapazitäten effektiv nutzen. Durch Vernetzungen würden wir zum Steuermann unserer Umgebung. In jedem Smartphone liefen potentiell alle Daten zusammen.

Mit der Möglichkeit, unsere Umgebung bis ins Detail zu regulieren, erhöhe sich sowohl unsere Freiheit als auch unsere Verantwortung. Daten schüfen Klarheit, Sachlichkeit und Objektivität, sie regulierten uns nicht, sondern zeigten die besten Wege auf. Nur indem wir die Verantwortung für den Umgang mit unseren Daten weg delegieren, würde sich unsere Freiheit und Verantwortung verringern.[12]

Aufgaben der Orientierungswissenschaften

Die im Grunde unendlichen Möglichkeiten, sich heute Informationen zu verschaffen, werfen umso größere Orientierungsprobleme auf. Ohne eine vorgegebene Orientierung drohen wir in den Informationsfluten zu ertrinken. Es drohen Regressionen einerseits zu den Fundamentalisierungen alter Weltbilder, die sich vor jeder neuen Einrede vorsätzlich abschotten, andererseits zu einer Auflösung des Denkens in bloßen Gefühlen und Reflexen einer elektronisch gesteuerten Eventkultur. 

Die Überforderung durch Informationen ohne deren Verständnis und vorgegebener Orientierung, ohne ein tragfähiges Welt- und Menschenbild, trägt zu den Regressionen einer Flucht zu Gurus und Propheten bei. Sie reduzieren alles wieder auf eine einzige Quelle, die alles und jedes erklären soll. Für Islamisten wie für politische Ideologen hängt „Alles mit Allem zusammen. Den Kommunisten galten Politik und Religion als dasselbe, es ging ihnen um nicht weniger als um die Erlösung des Menschen. Für Islamisten hängen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft so eng zusammen, dass deren Eigengesetzlichkeiten mangels Ausdifferenzierung massiv behindert werden und die Entwicklungen defizitär bleiben. Im Totalitarismus ist jeder für alles verantwortlich, woran man ihn unablässig mit Propaganda, zur Not mit Zwang und Gewalt erinnert.  

Für postmoderne Denker hängt hingegen „Nichts mit Nichts zusammen. Sie verabsolutieren damit die Freiheit des Denkens bis zur Unverbindlichkeit und Unverantwortlichkeit. Seriöse Sozial- und selbst Geisteswissenschaftler flüchten sich wiederum aus den alten Ideologien in Details und in eine nackte Empirie, in der die Genauigkeit und Quantität des Wissens oft in einem umgekehrten Verhältnis zu ihrer Relevanz steht. 

Diese Defizite beschreiben im Grunde die gestellten Aufgaben. Information muss zu Wissen und Wissen zur Bildung werden, zu einem orientierenden Bild von der Welt, welches durch Verstehen und dialektisches Denken entstehen kann. Dafür wären Religions- und Geisteswissenschaften, aber auch eine normativ arbeitende Sozialwissenschaft als Ergänzung und Kompensation der „instrumentellen Vernunft“ von Natur- und Technikwissenschaften   bedeutsamer denn je.  

Eine verantwortete Freiheit des Denkens müsste mittlere Wege zu beschreiten suchen. Statt totalitär konstruierten oder postmodern aufgelöster Zusammenhänge brauchen wir mittlere Erkenntnisebenen, in denen Etwas mit Etwasin Verbindung stünde. Die Erkenntnis von relevanten Zusammenhänge könnte an den großen und besseren Traditionen anknüpfen, in denen jeweilige Gegensätze dialektisch zu Gegenseitigkeiten verbunden wurden.

Erst wenn die Gegensätze von Religion und Politik, Kapital und Arbeit, individuellen Rechten und sozialen Pflichten wieder in ihren Gegenseitigkeiten rekonstruiert oder unter neuen Umständen von Globalisierung und Europäisierung neu konstruiert würden, kann eine neue Ordnung der Gesellschaft angedacht werden.

 

 

 

[1] Botho Strauss, Allein mit allen. Gedankenbuch, München 2014, S. 172

[2] Vgl. Reiner Wimmer, Verantwortung. In: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe, hrsg. Von Petra Kolmer und Amin G. Wildfeuer, Freiburg 2011, S. 2319.  Wimmer charakterisiert  Verantwortungsethik als  Verantwortung für die eigenen Verwirklichungsbedingungen. 

[3] John Urry, Grenzenloser Profit, Berlin 2015.

[4] Philipp Ther, Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europas, Berlin 2014.

[5] Spiegel-Gespräch mit Ägyptens Präsident Abdel Fatah el Sisi, 90 Millionen brauchen Brot, in: Der Spiegel v. 7.2 2015 , S.85. Wenn sie keine Schulbildung erhalten, kein Dach über dem Kopf haben, wenn sie keinen Job finden, keine Hoffnung auf eine Zukunft haben, dann werden ihre Menschenrechte verletzt. Menschenrechte dürfen nicht auf freie Meinungsäußerung reduziert werden

[6] Henry Kissinger, Weltordnung, München 2014. Der Altmeister der internationalen Beziehungen, Henry Kissinger, wird nie müde, für eine multipolare Weltordnung, vergleichbar zu der des 19. Jahrhunderts zwischen den europäischen Großmächten zu werben. Sie hielt immerhin ein  Jahrhundert und wurde bezeichnenderweise dadurch zerstört, das Habsburg mit der Annexion Bosnien-Herzegowinas 1908 in den serbisch-orthodoxen Kulturkreis übergegriffen hatte, was dann zur Katastrophe von 1914 überleitete.

 

[7] Jörg Baberowski, Der Westen kapiert es nicht, in: Die Zeit v. 12.3.15

[8] Heinz Theisen, Der Westen und sein Naher Osten. Vom Kampf der Kulturen zum Kampf um die Zivilisation, Reinbek 2015

[9] Armin G. Wildfeuer, „Du sollst nicht morden“! - Das biblische Tötungsverbot und die besondere Schutzwürdigkeit menschlichen Lebens im Ethos der Menschenrechte, in: Elisabeth Jünemann, Heinz Theisen (Hrsg), Zehn Gebote für Europa. Der Dekalog und die europäische Wertegemeinschaft, Erkelenz 2009,  S. 113ff.

[10] Sven Hillenkamp, Das Ende  der Liebe – Gefühle im Zeitalter der unendlichen Freiheit, München 2014.

[11] Heinz Theisen, Renaissance der Zivilgesellschaft, in: Mut. Forum für Kultur, Politik und Geschichte,  November 2014

[12] Frank Schmiechen, Keine Angst vor Daten –si e bedeuten Freiheit, in: Die Welt vom 23.3.2015.