Quelle: http://heinztheisen.de/paper/hybriditat-der-kulturen

Heinz Theisen

Hybridität der Kulturen

Mut Frühjahr 2015

Heinz Theisen

 

Buchbesprechung Heinrich Geiger, Eine Reise in den anderen Westen. Die Musik der Seidenstraße und China, Juridicum Verlag München 2014.

 

                            Hybridität der Kulturen

          Die Seidenstraße und die Dialektik vom Neben- und Miteinander

Der Bonner Sinologe Heinrich Geiger analysiert das „Janusgesicht der Globalisierung“ über den Umweg der Seidenstraße, und stößt dabei zu den Wurzeln aktueller Probleme vor. Dabei fallen jenseits der spezifischen Erkenntnisse über den transkulturellen Austausch musikalischer Entwicklungen differenzierte Sichtweisen auf Prozesse ab, deren Dialektik uns oft ratlos macht.

Mit „der andere Westen“ ist aus chinesischer Sicht statt Europa der Kulturraum der Seidenstraße gemeint: Nordindien, Persien, die Levante und vor allem Zentralasien, dessen „barbarische“ Stammeskulturen eine stetige Herausforderung für das „Reich der Mitte“ darstellten. Auf der Seidenstraße, ein Geflecht aus Karawanenstraßen, wurden neben der Seide Güter aller Art bewegt. Diese frühe Globalisierung ging mit der Koexistenz von Hochkulturen und Steppenreichen einher, erweitert um den geistigen und künstlerischen Austausch, von dem bei Geiger die Rede ist. Buddhismus, Christentum, Manichäismus und Islam – alle nahmen über die Seidenstraße ihren Weg ins „Land der Mitte“.

Geiger konzentriert sich auf die Musik der Seidenstraße. Ihre Wanderung zwischen den Welten zeigt, wie eine positiv zu verstehende Hybridität der Kulturen über die Künste gelingen kann. Nämlich über eine „strukturierte Multikulturalität“, eine sich uns heute wieder auf geradezu dramatische Weise stellen Aufgabe, die sich wie eine Leitmelodie durch das Buch zieht. In ihr geht es ihm nicht um die Aufhebung der Polaritäten zwischen den Kulturen, sondern um ein geordnetes Wechselspiel zwischen Eigenem und Fremdem.

In ausführlichen geografischen und kulturhistorischen Beschreibungen erfasst Geiger das wechselvolle Geschehen bei der Aneignung von Musik durch die unterschiedlichen Kulturen. Wie sich diese gegenseitig befruchten, zeigt er etwa am Beispiel des „Streichinstrumentenspiels“. Dessen Wiege steht in Zentralasien. Von dort aus nahmen die italienische Violine, arabisches Rehab und chinesische Erhu ihren Ausgang. 

Doch während Kunst als eine Form der Hochkultur neue Wege zwischen den Räumen erschließt, wird auch dieser Teil der Welt heute mehr denn je von nationalen und ethnischen Grenzziehungen durchzogen. Mehr noch, von heftigen Kulturkämpfen gequält wie etwa dem uigurischen Widerstand gegen die Regierung Chinas. Das Wüten der Taliban gegen fremde Religionen endete in der Zerstörung der monumentalen Buddhastatuen von Bamian, einzigartigen Denkmälern der Gandhara-Kunst. Welches düsteres Sinnbild, dass dies in Afghanistan, einer Schnittstelle verschiedener Zivilisationen Asiens geschah. Der totalitäre Islamismus unserer Tage erweist sich auch hier als fast unübersteigbare Grenze für Hybridität und Multikulturalität.

Diese Kulturkriege dürfen nicht das letzte Wort behalten. Vielleicht hilft uns auf der Suche nach neuen Wegen Geigers Blick zurück in die Tang-Zeit (618-907 n. Chr.) Trotz der Grenzen werden dort immer wieder „Kontaktzonen“ der Kulturen und ihre erstaunliche Vermittlungsleistungen erkennbar, aus deren  Vermischungen Hybridkulturen hervorgingen. Das „Chinesische“ an der chinesischen Musik ist – so Geiger - nicht aus einem bestimmten Volksgeist oder Nationalcharakter, sondern aus diesen Fremdkontakten hervorgegangen.

Abklärung von Kulturen

Hybridität definiert Geiger als Zusammenführung heterogener Elemente in einem Organismus bei Wahrung der Trennung zwischen den einzelnen Komponenten. Während dies in der Biologie eher einen negativen Klang hat, führt die technische Kombination unterschiedlicher Materialien und Energien meist zur Leistungssteigerung durch gesteigerte Komplexität. Aber eben diese Komplexität überfordert wiederum viele Menschen so sehr, dass sie sich lieber in totalitäre Vereinfachungen flüchten. Insofern bedeutet Islamismus, ästhetisch und erkenntnistheoretisch, die Gegenthese zur Hybridität und Multikulturalität.  

Geiger zufolge ist die Musik der Tang-Zeit kein Sonderfall, sondern ein Beispiel für gelingende interkulturelle Prozesse. Er wendet sich ausdrücklich gegen die Essentialisierung von Kultur, wie sie etwa in der Rede vom „Kampf der Kulturen“ anklingt. Hier stimme ich nicht ganz mit dem Autor überein. Kulturen sind zwar keine handelnden, aber prägende Entitäten. Wenn es keinen Kampf zwischen essentiellen Kulturen gibt, kann es auch keinen Dialog zwischen ihnen geben. Dieser kann in der Tat nicht von „den Kulturen“, wohl aber von ihren herausragenden Vertretern geführt werden. Sie müssen die Unterschiede, Inkompatibilitäten und möglichen Gegenseitigkeiten zwischen ihren Kulturen abklären und auf pragmatische Wege des Neben- und Miteinanders umleiten.

Geigers kunsthistorische Reise entlang der Seidenstraße gibt wichtige Hinweise, wie Kulturkämpfe durch einen solchen strukturierten Multikulturalismus abzuklären wären. Kulturen, dies wird auch aus deren Begegnungen auf der Seidenstraße deutlich, sind essentiell Konstrukte und die Qualität ihrer jeweiligen Identität erweist sich nicht zuletzt in der Befähigung zur Integration anderer kultureller und selbst barbarischer Elemente. Entwicklung wird weder über Abschottung noch über Auflösung von Kultur gelingen. Wo Kulturen, wie die islamische, vom Himmel fallen, ist es um ihre Konstruierbarkeit und Integrationsfähigkeit schlecht bestellt. China ist demgegenüber ein ziemlich ideologiefreies Gegenextrem, und daher hybridfähig bis zur Paradoxie wie einem kommunistischen Kapitalismus.

China wurde immer von nichtchinesischen, oder besser: noch-nichtchinesischen Kulturen überlagert. Anhand der Tang-Epoche beschreibt Geiger Prozesse, in dem einerseits die Grenzen zwischen den Kulturen beachtet werden, um einer wilden Vermischung vorzubeugen. Und wie andererseits ausländische Ensembles in einer wohl geordneten Abfolge von unterschiedlichen musikalischen Darbietungen ihren festen Platz erhielten. Aus einem solchen abgrenzenden Neben- und eingrenzenden Miteinander ging eine neue chinesische Entität hervor. Vielleicht erklärt diese raffinierte Dialektik die einzigartige Dauer der chinesischen Kultur. Dass diese Hybridität einen Mangel an Spannung etwa zwischen Ethos und Wirtschaft mit sich bringt, wäre ein Thema für sich.

Geiger hat mit dieser hintersinnigen kulturhistorischen und musikwissenschaftlichen Studie einen wichtigen Beitrag zur Kulturdebatte geleistet. Neben den vielen theoretischen Erkenntnissen enthält das Buch eine erlesene Auswahl farbiger Reproduktionen und Illustrationen, zudem umfangreiches Kartenmaterial, welche die Lektüre auch zu einem ästhetischen Erlebnis machen. Das Zusammentreffen und die Hybridisierung der Kulturen müssen, davon ist Geiger seit jeher überzeugt, ästhetisch gestaltet werden - wie am Hofe der Tang-Zeit.